Claudio Magris liest “Blindlings” in Wien



Am Dienstag, 29. April, 19 Uhr, liest Claudio Magris aus seinem neuen Roman „Alla cieca“, der vor kurzem in der deutschen Übersetzung von Ragni Gschwend mit dem Titel „Blindlings“ erschienen ist. Das Institut für Romanistik und das Institut für Germanistik der Universität Wien sowie das Italienische Kulturinstitut laden zu dieser Autorenlesung mit Diskussion. Mit dem Schriftsteller sprechen Michael Metzeltin, Vorstand des Instituts für Romanistik, und Wendelin Schmidt-Dengler, Vorstand des Instituts für Germanistik.

Bio-bibliographisches zu Claudio Magris

Der Triestiner und Weltbürger Claudio Magris gehört zu den vielseitigsten Intellektuellen unserer Zeit. Als Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Journalist steht er in der Tradition des liberalen europäischen Humanismus. Als Brückenbauer zwischen der deutschsprachigen und der italienischen Kultur hat er Ideengeschichte gemacht.

Bereits seine Dissertation „Der habsburgische Mythos in der österreichischen Literatur“ (dt. 1966) machte den jungen Germanisten international bekannt, in der Folge avancierte er zu einem Vordenker des Mitteleuropa-Diskurses. Ab 1970 war Magris Ordinarius für Moderne deutschsprachige Literatur an den Universitäten Turin und Triest. 1982 begann er seine Mitarbeit als Literaturkritiker und Leitartikler bei der größten italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“.

Der literarische Durchbruch gelang Magris mit „Donau“ (1986), dem Journal einer Reise entlang des Völker und Kulturen verbindenden Flusses. Hier bewährt sich der grenzüberschreitende Erzähler diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs als Guerillero gegen das Vergessen und subtiler Interpret der kleinen Zeichen. „Donau“ ist ein im besten Sinn politisches Buch, getragen von der Hoffnung auf die Vereinigung des zweigeteilten Europa. Die letzte Sammlung von Magris¿ Essays erschien unter dem Titel „Utopie und Entzauberung“ (2002); damit ist zugleich eine zentrale Denkfigur seines Oeuvre umrissen.

Auf einer parteiunabhängigen Liste wurde Magris 1994 in den italienischen Senat gewählt. Er ist Träger zahlreicher Auszeichnungen, Ehrendoktorate und Literaturpreise, darunter der Erasmus-Preis, der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung und der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur.

Zum neuen Roman „Blindlings“

Die Genese des polyphonen Textes geht bis auf die 1980er Jahre zurück. Magris wies schon damals auf die historische Tragik hin, die das zentrale Thema des erzählerischen Makrokosmos von „Alla cieca“ konstitutiert: die Geschichte des titoistischen Gulags von Goli Otok, das heißt einer Revolution, die ihre Kinder fraß. Das Werk ist ein einziger fieberhafter Monolog einer Stimme, die sich vervielfacht, die Anamnese eines gespaltenen Ich vor dem Arzt eines psychiatrischen Zentrums. Ein Ich, das am „blindlings“ waltenden Übel der Weltgeschichte zerbrochen ist. Magris variiert hier in einer virtuosen Kombinatorik verschiedenster Ausdrucksformen und Register das alte Motiv des monologisierenden „Wahnsinnigen“, der eine unheilvolle „Normalität“ demontiert und denunziert.

Autorenlesung und Diskussion

Mit dem Autor diskutieren Michael Metzeltin, Vorstand des Instituts für Romanistik, und Wendelin Schmidt-Dengler, Vorstand des Instituts für Germanistik
Moderation: Renate Lunzer, Institut für Romanistik

Zeit: Dienstag, 29. April 2008, 19 Uhr

Ort: Italienisches Kulturinstitut, Ungargasse 43, 1030 Wien, Großer Saal

Rückfragehinweis:
Doz. Mag. Dr. Renate Lunzer
Institut für Romanistik
Universität Wien
1090 Wien, Spitalgasse 2, Hof 8
T +43-1-4277-426 73
renate.lunzer@univie.ac.at

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